How I became...

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How I became...

Beitrag  Cho Izanami am Mo Aug 13, 2012 10:37 pm

Ich habe meine Gründe, um das zu sein, was ich bin.
Und auch, wenn ich auf die meisten davon nicht stolz bin, sind sie es doch, die mich zu dem machen, was ich bin.
Du möchtest wissen, warum? Ich hoffe du weißt, auf was du dich einlässt. Ich bin nicht umsonst hier. Also schnall dich an.

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Cho Izanami

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1. Rakkaki - The Fall

Beitrag  Cho Izanami am Mo Aug 13, 2012 10:43 pm

Richie klopfte leise. Eine zittrige Stimme erlaubte ihm, einzutreten. Der 15jährige strich rasch das Hemd glatt, dann trat er ein. „Hallo Melanie. Guten Tag, Oma.“ Die alte Frau in der Ecke nickte, aber das Mädchen im Bett strahlte und legte das Buch weg. „Richie! Wie schön, dich zu sehen. Komm her, damit ich dich drücken kann.“ Er durchquerte den Raum mit wenigen Schritten, sank auf das Bett und ließ sie die dünnen Arme um ihn werfen. „Wie geht es dir?“ Er lächelte und schob sie weg, um sie anzusehen. „Gut. Und dir?“ Sie strahlte. „Auch.“ Aber sie musste direkt Husten, als wolle ihre Krankheit sie lügen strafen. Er sah zu ihr, ohne ihre seine Angst zu zeigen. Sie freute sich immer so sehr, wenn er sie besuchen kam und er hatte immer weniger Zeit. Dabei war seine Schwester alles, was er noch hatte. Zumindest von seiner Familie. Er hatte ja noch seine Freunde in der Schule, Shiro und Yokari. Yokari... Gott, sie war so schön. Anders schön als seine Schwester. Aber wunderschön. Er sah in das Gesicht seiner Schwester. „Was liest du da? Erzähl doch mal.“ Ihr Lächeln wurde breiter.

Bevor er gehen konnte, nahm ihn die Schwester beiseite. „Ich möchte dich nicht anlügen, Richie, aber sie wird schwächer.“ Sie nickte zu der Tür. Richie nickte. „Ich merke es. Sie ist so dünn.“ Er zitterte plötzlich. „Wird sie sterben?“ Die Schwester schluckte. „Wann weiß ich nicht, aber ja... sie wird sterben.“ Richie wusste es ja. Das wussten sie alle schon lange. Trotzdem war es immer wie ein Schlag in den Magen. „Wie lange?“ fragte er mit rauer Stimme. Diesmal zuckte die Frau mit den Schultern. „Schwer zu sagen, ich kann nur raten.“ Er sah sie fest an. „Dann rate.“ Wieder schluckte sie. „Gott, wie ich es hasse, dir das sagen zu müssen, aber... wenn es so weitergeht.... dann ist das ihr letzter Sommer.“

9 Monate später:
Richie schlug den Mantelkragen hoch. Obwohl die Sonne schien, fror er. Gott, ihm war so kalt. Bis ins Mark. Er wurde Melanies Gesicht nicht mehr los. Wie sie da gelegen hatte. Sie war so schön gewesen, so still. Als schliefe sie. Aber das tat sie nicht. Das würde sie nie wieder. Der Gedanke jagte ihm die Tränen in die Augen. Energisch wischte er sie weg. Er wollte jetzt nicht um sie weinen. Nachher. In Ruhe.
Shiro wartete am Tor. Richie hatte ihn nicht mitgenommen. Er hatte auch Yokari nicht mitgenommen. Er hatte Melanie unter den Leuten verabschieden wollen, die sie gekannt hatte. Sie sollte behütet übergehen. Er schloß die Augen und atmete tief durch. Er konnte das Tor schon sehen und er konnte sehen, wie sein bester Freund aufstand und ihm entgegensah. Richie nickte ihm zu und legte einen Zahn zu. Das Leben ging weiter. Irgendwie ging es immer weiter.


Nur einen Monat später wurden alle seine Hoffnungen, normal weiterzumachen, zerschmettert. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Er saß in seinem Zimmer, als er die eiligen Schritte hörte. Tanahu stieß die Tür auf... und er war total aufgelöst. „Red ihr das aus! Schnell!“ Richie sah von seinem Buch auf. „Was ist denn los?“ Er starrte ihn an. „Yokari... sie steht auf dem Dach der Pagode. Red mit ihr bitte. Bitte!“ Richie hatte ihn eh nicht mehr gehört, er sprang auf und rannte den Flur hinunter.
Angst... die Angst lähmte ihn fast. Sein Kopf ratterte, versuchte herauszufinden, was er falsch gemacht hatte. Hatte er sie verletzt? Was hatte er ihr getan? Die kühle Nachtluft verstärkte die Muskeln in seinen Beinen. Die Pagode war das höhste Gebäude in der kleinen Siedlung. Ihre Umrisse waren kaum zu erkennen. 'Oh Gott, das darf nicht wahr sein... Nein! Bitte bitte bitte nicht!' Er rannte zum Eingang. „Yokari!“ brüllte er hinauf. Sie hatte ihn gehört. Sie sah zu ihm. „Bleib da und beweg dich nicht! Ich bin sofort da!“
Er hielt nicht an, rannte in das Gebäude, zu den Treppen, nutze die Geländer, um die Kurven zu nehmen, ohne langsamer zu werden. Er hörte ihre Stimme und du des Direktors, seine war ruhig, ihre schrill. Das die Angst ihn nicht lähmte, war nur, weil sein Kopf ihn dazu trieb, zu ihr zu gehen, sie in die Arme zu nehmen, bei ihr zu sein. Er wollte ihr zuhören, wollte wissen, weshalb sie das tat, wollte den Grund dafür ausmerzen und sie wieder lachen hören. Er hatte Seitenstechen, wusste nicht, was draußen gesprochen wurde, aber er sah nur ihr Gesicht vor sich und alles andere war ihm egal.
Er lief und lief, die Treppen hoch, noch ein Stockwerk, noch eins, noch eins, noch eins. Da, die Tür. Er stieß sie auf und stolperte auf das Dach, total verschwitzt, außer Atem, alles tat weh. Yokari drehte sich bei dem Krach herum.

Schwer atmend starrte er sie an. „Yokari...“ Eine Brise erfasste ihr dunkles Haar und ihre grünen Augen wirkten verdunkelt. Vorsichtig machte sie einen Schritt zurück. „Tut mir Leid, Richie...“
„Warte!“ Aber sie unterbrach sich nicht. „Ich wollte dir das nie antun, aber ich kann nicht mehr.... Ich kann einfach nicht so...“ Er machte einen Schritt auf sie zu. „Yokari, komm her. Lass uns darüber reden, ja? Wir setzten uns in mein Zimmer, so wie sonst auch.“ Sie schüttelte so heftig den Kopf, das er Angst hatte, das sie das Gleichgewicht verlieren könnte. „Das ist etwas, das du nicht verstehst!“ sagte sie und wiederholte damit exakt seine Worte, als sie über Melanies Beerdigung gesprochen hatten. „Niemand hätte mir so gut tun können wie du.“ Wieder trat sie zurück. Er begann, am ganzen Körper zu zittern. „Nein...“
„Mach dir nichts draus...“
„Nein.“ Sie lächelte. „Du bist doch immer bei mir, oder? So wie ich.“ Und dann kippte sie. Mit einem panischen Schrei stürzte er vorwärts, aber er verpasste ihren Arm. So knapp. Obwohl er wusste, das es ihn verfolgen würde, sah er zu, wie sie fiel. Aus dem Augenwinkel registrierte er, wie Shiro losrannte, als wolle er sie fangen, aber aus dieser Höhe, das wusste er, würde er das nicht können.
Sie schlug vor ihm auf und Shiro bremste abrupt ab, um nicht über sie zu laufen. Wie sein bester Freund Meter weiter über ihm starrte er auf das, was geschehen war. Richie spürte die Tränen, wie eine Flammenwalze rollten sie heran, während sein langsamer Menschenverstand geschockt zu verstehen versuchte, was gerade passiert war. Er konnte es nicht. Deswegen schrie er.


„Wie konntest du die Steinschlaggefahr außer Acht lassen?“
„Wir haben drei Tote, Direktor, vorläufig.“
Die Sätze des Tages verfolgten Richie in den Traum und er fuhr auf, als ihn jemand berührte. Er saß an Shiros Bett im Krankenflügel und er starrte seinen besten Freund erstmal an, bevor er sich der Schwester zuwand, die ihn geweckt hatte. „Du solltest dich hinlegen, Mela. Du bist schon fast 15 Stunden hier.“ Richie versuchte zitternd, von dem Stuhl aufzustehen, aber den Blick von Shiros Gesicht zu lösen war viel schwerer. Er nickte und machte sich langsam auf den Rückweg in sein Zimmer. Er hatte als Anführer seines Trupps in der Übung total versagt. Sein Kopf war so gelähmt von allem, was passiert war, das er vergessen hatte, das der Gebirgspass gefährlich war. Jetzt waren drei Schüler tot und der Rest, wie sein bester Freund, waren schwer verletzt. Er schloß die Tür hinter sich und blieb wie betäubt stehen. Dieses Zimmer... es würde nie wieder so belebt sein wie früher. Yokari war fort, weg, tot, sie war tot. Und Shiro... er würde nie wieder ein Wort mit ihm reden wollen. Richie hatte ihn fast umgebracht. „Es wird nie wieder so sein wie früher.“ sagte der Stuhl. „Keine Briefe mehr von Melanie.“ antwortete der Tisch. „Keine Umarmungen mehr von Yokari.“ meldete sich das Bett. „Kein Quatschen mehr mit Shiro.“ schloß das Regal. Richie zitterte. Nein, nie wieder. Er sah zu dem Stuhl und dann hinauf. Nie wieder...

„Wo ist Mela?“ sagte der Lehrer, als er an Tanahus Tisch trat. „Keine Ahnung, Sir.“ sagte sein Sitznachbar Gen. „Er verpasst ein super Abendessen.“ Der Lehrer sah die Beiden an. „Geht hoch und sagt ihm Bescheid. Vielleicht schläft er.“ Tanahu nickte und ließ ohne Zögern sein Essen stehen. Gen schaufelte schnell noch ein paar Kartoffeln, dann schob er seinen Stuhl zurück und sie gingen zusammen nach oben. Im Flur kam ihnen die Lehrerin für Bio entgegen. „Ach, Gen, nur ein Wort...“ Tanahu ging weiter und klopfte ein paar Meter weiter an die Tür. „Richie, Man, komm Essen.“ Es blieb still. „Komm, nur ein bisschen, es ist echt lecker. Du musst doch mal was in den Bauch kriegen.“ Als wieder keine Antwort kam, öffnete Tanahu die Tür. „Na komm schon...“ Er stutzte und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Und dann stürzte er mit einem Aufschrei rückwärts aus dem Zimmer.
Die Lehrerin und Gen sahen auf. „Tanahu, was ist denn los?“ Gen rannte herüber, aber sein Kumpel starrte nur zu der Tür, ohne ruhiger zu werden. „Tanahu, wasn?“ Der Schüler folgte dem Blick... und wich sofort zurück. Er hatte damit gerechnet, das Richie auf dem Bett lag oder am Schreibtisch saß. Aber er saß nicht zusammengesunken auf dem Stuhl. Der Stuhl lag auf dem Fußboden... und Richies Füße hingen darüber. Das Gesicht ausdruckslos, der Blick trüb. Er würde nie wieder etwas sehen.

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„Raki?“ Müde öffnete Rakkaki die blutroten Augen und blinzelte in das Gesicht vor der Sonne. „Tia...“ Sie musterte ihn. „Hast du geschlafen? Hab ich dich geweckt?“ Er schüttelte den Kopf. „Is ok. Was gibt’s?“
„Wir haben ein Audit. In 10 Minuten. Kommst du?“ Er grinste. „Da Gendo mir sonst den Kopf abreißt, klar.“ Sie nickte. „Ich gehe vor und sag Shiro Bescheid.“ Er setzte sich auf und sah ihr nach. Ein Audit war gut. Das bedeutete Mission. Kampf. Tot. 'Oh ja, Tot.' zischte eine der Stimmen in seinem Kopf. 'Tot ist gut.' Er rappelte sich von seiner Wiese auf und ging ins Gebäude.

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2. Celia: Story of Beauty

Beitrag  Cho Izanami am So Jan 06, 2013 5:14 pm

„Aber Mama...“ Kenra wand sich wütend zu ihrer 13jährigen Tochter um. „Es reicht jetzt, Celia. Ich weiß, das du Halkkon nicht magst, aber flunker nicht so schrecklichen Kram.“ Celia wich zurück und starrte auf den Boden. Sie flunkerte nicht. Sie würde doch nie lügen. Klar, allen war bekannt, das sie ihren Stiefvater nicht besonders mochte. Deswegen glaubte ihr auch niemand, das er sie so angefallen haben sollte. Celia zitterte. Ihre Mutter sollte sie beschützen vor diesem Kerl. Ihr tat jetzt noch alles weh. Aber sie waren alleine zu Hause gewesen, niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Celia wand sich ab und schlurfte stumm weinend in ihr Zimmer. Sie schloß die Tür und drehte den Schlüssel... der Schlüssel war weg! Sofort wurde ihr eiskalt. Oh Gott, er würde zurückkommen! Er hatte den Schlüssel geklaut, damit sie nicht abschließen, ihn aussperren konnte. Sofort kam die Angst von gestern Nacht in ihr hoch und sie stürzte zurück in die Küche. „Mama, Mama, er hat meinen Schlüssel geklaut, er hat...“ Kenra schnitt ihr das Wort ab. „Jetzt reicht es mir aber! Du bist 13, du solltest vernünftig sein!“ Celia ließ die Schürze ihrer Mutter los und starrte sie an. Sie wich zurück, als ihre Mutter mit erhobenem Kochlöffel auf sie zukam. Mama hatte sie nie geschlagen. Niemals. „Du gehst jetzt auf dein Zimmer und kommst erst zum Essen wieder raus und dann entschuldigst du dich gefälligst.“ Sofort brannten die Tränen und Celias wirre Gedanken fanden endlich einen Halt. „Papa...“ sagte sie ganz leise. Ihre Mutter funkelte sie an. „Was hast du jetzt schon wieder gesagt?“ Celia stolperte zurück, bis sie gegen etwas stieß, dann wirbelte sie herum, riss die Wohnungstür auf und rannte hinaus. „Papa! Papa, hilf mir!“ Kenra trat an die Tür und brüllte ihr nach, lief ihr aber nicht hinterher. Celia war schon ein paar Mal hinausgelaufen, um ihren Papa zu sehen. Sie war immer zurückgekommen. Sie würde es auch diesmal.

'Nein, nicht diesmal.' Celia kramte aus ihrer Tasche das Geld, das sie aus ihrer Spardose geholt hatte, eigentlich für morgen. Den Weg zu Papa kannte sie. In und auswendig. Vermutlich wusste Kenra nicht mal, wie oft Celia gar nicht draußen spielte. Ihre Mutter wusste deswegen auch nicht, das der Mann starb, den sie einst geliebt hatte. Nach der Scheidung hatte sie jeglichen Kontakt abgebrochen, aber sie konnte Celia schon von Gesetz aus nicht verbieten, ihren Vater zu sehen. Das tat sie auch nicht... an den Wochenenden zumindest.
Die Busfahrt dauerte eine knappe Stunde, aber es machte niemand auf. Celia wusste, was das bedeutete und stieg in den nächsten Bus zum Krankenhaus. Es hatte zu regnen begonnen, als weine der Himmel mit ihr um das, was geschehen war. Sie lehnte den Kopf an die Scheibe und schloß ein wenig die Augen, um dem Trommeln der Tropfen auf dem Metalldach zu lauschen. Sie würde jetzt einfach bei Papa bleiben, im Krankenhaus. Nie wieder würde sie zurückgehen. Dann würde es wieder passieren. Und das würde sie nicht überleben, das wusste sie. Sie würde daran kaputtgehen, denn es würde wieder und wieder passieren und keiner würde ihr helfen. Sie sah auf. Aber bei Papa war sie sicher. Papa war immer für sie da. Er hatte sie nie im Stich gelassen. Niemals.
Der Bus hielt und sie eilte durch den Regen in die Lobby. Die Schwestern kannten ihren Papa und deswegen kannten zwei oder drei auch Celia. Es war also nicht schwer, ihren Vater zu finden. Sie klopfte leise, denn es hieße, er sei sehr schwach. Seine Stimme war zittrig, als er sie hereinbat. Und das machte ihr Angst. Sie nahm sich vor, gefasst zu sein und ernst und erwachsen. Sie trat in den Raum und ihr Vater sah sie überrascht aus dem Bett an. Er sah um Jahre gealtert aus. „Celia. Maus, wie siehst du denn aus? Was ist denn?“ Sie wollte erwachsen sein. Aber sie konnte nicht. Sobald er ihren Namen sagte, war sie wieder das kleine Kind, das er auf seinen Schultern durch den Park getragen hatte. Sie brach in Tränen aus und lief zu ihm. „Papa! Oh Gott, Papa!“

Es wurde langsam wieder hell, aber Celia saß noch immer am Bett ihres Vaters und hielt seine Hand. Er hatte mit ihrer Mutter telefoniert, die ihm auch nicht glauben wollte. Er hatte sie getröstet, aber er hatte selbst geweint. Und dann war seine Krankheit schlimmer geworden. Celia wusste, das er in den letzten Stunden sicher mehr gelitten hatte als sie. Es war ungerecht. Er hatte gesund werden und um das Sorgerecht kämpfen wollen, er hatte sie beschützen wollen, er hatte ihren Stiefvater bestrafen wollen. Stattdessen war er jetzt fort. Celia weinte nicht mehr, sie hatte sanft mit ihm gesprochen und für ihn gesungen. Und jetzt war er fort. Celia sah erst auf, als sie jemand an der Schulter nahm. Es war eine der Schwestern, die sie nicht kannte. „Du solltest jetzt loslassen. Er ist an einem besseren Ort.“ Sie schluchzte. „Es tut mir so Leid. Komm, ich habe deine Mutter angerufen, sie wird gleich hier sein und dann ruhst du dich zu Hause aus.“ Dieser Satz weckte sie aus ihrer Trance wie ein Schlag ins Gesicht. „Nein. Nein, ich will nicht nach Hause, bitte!“ Die Schwester sah sie perplex an. „Ist ja gut, deine Mama hilft dir sicher, das hier zu verstehen. Ich werde mal schauen, ob sie schon da ist.“ Celia schüttelte den Kopf. „Nein. Nein!“
Aber die Schwester ging hinaus, den Flur hinab und nahm unten Celias Mutter und ihren neuen Mann in Empfang. „... ein dummer Zufall, das sie ausgerechnet jetzt kam. Es muss furchtbar für sie sein.“ Die Mutter nickte und ging leise weiter. Es tat ihr Leid für Celia. Sie hatte ihren Papa so gemocht. „Wie geht es ihr denn?“ erkundigte sie sich. Die Schwester runzelte die Stirn. „Sie steht unter Schock und wollte gar nicht nach hause. Aber ich bin sicher, das legt sich jetzt.“ Sie öffnete die Tür... aber das Zimmer war leer. Der Vater des Kindes lag im Bett, verstorben erst vor etwa einer halben Stunde. Aber das blonde Mädchen war verschwunden.

Celia war zwei Tage durch die Stadt geirrt, bis sie sich mitten in der Nacht in einer Seitengasse den Fuß verknackst hatte. Der Schmerz zog bis ins Knie. Aber sie hatte ja Glück gehabt und jetzt saß sie frisch gewaschen in einem viel zu großen Shirt und einer schlabberigen Hose in einer winzigen Küche und trank Tee. Die junge Frau, die ihr einen Platz zum Auskurieren angeboten hatte, hatte ihn gemacht. Sie war hübsch, hatte lange Beine und trug trotz der Kälte knappe Kleidung. Um nicht zu frieren, hatte sie einen Mantel um sich geschlungen gehabt. Jetzt saß sie Celia in diesem Mantel gegenüber und trank Kaffee. Ihr Baby schlief im Nebenzimmer. Sie hatte Celias Fuß verbunden. „Tut es denn noch sehr weh?“ Celia schüttelte den Kopf. „Nein, vielen Dank.“ Sie lächelte und stand auf, um die Tasse zu spülen. „Das freut mich.“ Celia war nicht dumm. Sie wusste, was diese Frau war. Sie sah sich um. Die Wohnung war vielleicht klein und etwas dunkel, aber es war eine Wohnung und die Frau hielt sie sauber. Celia beobachtete sie beim Spülen. Ihre Fingernägel waren aufwändig manikürt, vermutlich von ihr selbst. Sie hatte sehr schönes lockiges Haar in sattem Braun. Und schöne rote Lippen. Sie war sehr nett, sie hatte Celia sogar getragen. Aber das Kind konnte nur schwer vergessen, das unter ihren Augen dunkle Ringe lagen. Und wie schmutzig die Gasse gewesen war, aus der sie gekommen war. „Ähm, ich will nicht unhöflich sein, oder so...“ setzte sie an und die Frau sah zu ihr auf. „Aber... darf ich fragen, warum du das machst?“ Die Frau sah sie verwirrt an. „Was genau meinst du?“ Celia schwenkte nervös den Becher. „Diesen.... Beruf.“ Jetzt verstand die Frau und sie lächelte schwach. „Ich habe nichts anderes.“ sagte sie und spülte gründlich ihre Tasse. „Ich hatte noch keine Ausbildung gemacht, als ich schwanger wurde. Meine Eltern helfen mir nicht und der Vater ist abgehauen, als er gehört hat, das er Vater wird. Ich kann halt nichts sonst.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber irgendwie muss ich ja Geld verdienen, wenn ich mein Kind durchbringen will.“ Celia hörte aufmerksam zu. „Ich muss nutzen, was ich habe, auch, wenn das mein Körper ist. Weil ich Leben will. Und will, das mein Kind es tut. Kannst du das verstehen?“ Ihr Ton war verzweifelt. Als habe sie Angst, das das Kind sie verurteilen würde. Aber Celia nickte. „Ja, absolut...“

Kenra sah von der Fenster zur Tür und wieder zurück. „Sie kommt heute wieder nicht zurück, oder?“ Sie sah zu der Polizeipsychologin und zu ihrem Mann. Die Psychologin sollte ihr helfen, ein neues Profil von ihrer Tochter zu erstellen, um sie schneller finden zu können.
Kenras Hoffnung, das Celia wieder nach Hause kam, versickerte langsam. Zu der Beerdigung ihres Vaters war sie nicht aufgetaucht. Das war das erste Mal gewesen, das sie befürchtet hatte, das ihr Kind nicht wieder kommen würde. Zu ihren Geburtstag vor 3 Monaten hatte sie Spruchbänder über die Tür gehängt: Happy Birthday, Celia. Aber das Kind war nicht gekommen. In ihrer Verzweiflung hatte Kenra Kuchen gebacken und den Tisch geschmückt wie jedes Jahr. Sie hatte ein kleines Geschenk verpackt und den ganzen Abend gewartet, bis tief in die Nacht hatte sie am Tisch gesessen. Ihre Tochter war seit einem halben Jahr spurlos verschwunden. Niemand hatte sie beim Verlassen des Krankenhauses gesehen.
Kenra schüttelte den Kopf. „Sie kann doch nicht so stur an ihrer Geschichte festhalten. Damit tut sie sich doch nur selbst weh.“ Die Psychologin sagte nichts dazu. Sie glaubte Celia. Kenra hatte sie bei ihrer ersten Begegnung aus dem Haus geworfen. „Ich kann ja verstehen, das sie dich nicht mag, aber warum denkt sie sich sowas aus?“ fragte sie ihren Mann mal wieder. „Du hättest ihr doch nie etwas getan.“ Aber diesmal versicherte er nicht sofort, das sie Recht hatte. Sondern er sah weiter auf seine Finger. Jetzt wurde Kenra unwohl. „Halkkon, sie hat doch so geflunkert. Das hat sie doch.“ Er starrte noch immer auf seine Hände auf dem Tisch. Kenra schlug ihre auf das Holz. „Sie mich an und sag mir, das du ihr nichts getan hast. Bitte, ich brauche das. Sag es mir.“ Aber er sagte gar nichts. Kenra fühlte sich, als habe sie jemand in den Lauf einer Lawine gelegt. Ihr Kopf fühlte sich plötzlich wie betäubt an. „Oh Gott... oh, bitte, bitte sag nicht...“ Jetzt sah er zur Seite. „Versteh mich nich falsch, aber sie sieht dir so ähnlich. So ähnlich. So musst du ausgesehen haben, als du deinen ersten Mann getroffen has. Du bis nich alt oder so, glaub das nicht, aber es war, als würde ich ihn endlich besiegen und dich ganz erobern, so wars...“ Kenra wich zurück und begann zu zittern. Die Psychologin aktivierte ihren Funk. Jetzt sah der Mann auf und seine Ehefrau an. „Ich weiß ja auch nich, was mich da geritten hat, Kenra...“ Aber sie wich bis an die Wand zurück. „Und ich habe sie als Lügnerin beschimpft... ich habe dich noch in Schutz genommen...“ Er stand auf und kam zu ihr herüber, aber sie starrte ihn an und er blieb stehen. „Kenra bitte, ich hab ja nich geahnt...“
„Verschwinde!“ fiel sie ihm ins Wort, als die Tränen durchbrachen. „Verschwinde und lass dich nie wieder bei mir blicken. Was hast du meinem Kind angetan? Was hast du ihr angetan? Und mir hast du Monatelang erzählt, es wäre nichts passiert! Verschwinde, bevor ich dich umbringe!“ Schnell richtete sich die Psychologin auf und führte den Mann am Arm hinaus, während die Mutter auf den Fußboden sackte. „Sie haben das Recht zu schweigen...“

4 Jahre später:
Celia starrte sich im Spiegel an und mühte sich mit dem blonden Haar ab, das ihr bis über die Hüften floss. Sie flocht es schon zum Schlafen zusammen, aber es war so fein, das sie es eigentlich ununterbrochen kämmen konnte. Sie wischte einen Staubflusen von dem Stoff über ihrer Brust und kämmte weiter. Dann machte sie sich an das Make-Up ihrer großen, blauen Augen. Sie putzte sich heraus. Sie und Tillea hatten immerhin eine Wette laufen und heute Abend wollte Celia gewinnen. Sie sah sich um und richtete ihr Räumchen her. Sie hatte auf jeden Fall schon mal das bequemere Bett und den Arsch-Bonus, wie sie es nannten. Denn Celia war auf jeden Fall die hübscheste Frau in diesem Bordell. Keine andere hatte so wohlgeformte Brüste, so einen flachen Bauch, so lange, schlanke Beine, einen so perfekten Po oder so ein hübsches Gesicht. Und es hatte auch keine sonst so geschickte Finger oder so einen Blick. Sie fing reihenweise Freier ein und hatte die meisten Stammfreier. Und sie wanderten nur ungern ab. Was bedeutete, das sie auch das meiste verdiente. Und Tillea wollte sie nur einmal schlagen. Celia grinste. Das konnte sie lange versuchen.
Celia streckte sich und setzte sich zurück an ihre Kommode, um auf Bearora zu warten. Sie war ihre Leiterin und Celia war hier, seit sie 15 war. Natürlich hatte Bearora sie erst mit 16einhalb als eins ihrer Mädchen arbeiten lassen, vorher war sie eher Bearoras rechte Hand gewesen.
Hier zu arbeiten war wirklich eine gute Entscheidung gewesen. Calerro befand sich in einer dunklen Zeit und Prostitution war eine erlaubte Sache. Man war als Professionelle beim Arbeitsamt gemeldet und es hatte durchaus Vorteile, auch in diesem Job seine Steuern zu zahlen. Eine Mutter in diesem Gewerbe hatte Anspruch auf erhöhtes Kindergeld, eine Frau, die nicht in ihrem Bordell lebte, hatte Anspruch auf erhöhtes Wohngeld. Es war als Prostituierte leichter, einen Schulabschluß nachzuholen oder einen Platz an einer Uni zu bekommen. Außerdem bekam man schneller einen Platz in einem Umschulungsseminar. Wer ein Bordell eröffnen wollte, meldete es beim Gewerbeamt an und bekam einmal im Monat Besuch von einem Arzt oder dem Gesundheitsamt.
Celia lehnte sich zurück und streckte sich noch einmal. Sie war nicht mehr das kleine Kind, das nach dem Missbrauch durch ihren Stiefvater als ein Häufchen Elend ohne Selbstwertgefühl durch die Straßen geirrt war. Ihre Freier und ihre Kollegen hatten ihr ihr Selbstbewusstsein zurück gegeben.

Sie sah auf die Uhr und dann zur Tür. Bearora war spät. Als sie noch dachte, das die Frau sicher viel zu tun hatte, brach draußen ein Höllenlärm los. Celia sprang auf und rannte zur Tür, riss sie auf und sah hinaus. Ein paar Mädchen kamen den Gang hinunter gerannt. „Lauf, Celia.“ rief ihr eine zu. „Hier ist ein Dämon drin. Lauf!“ Celia folgte ihr direkt. Dämonen machten immer Jagd auf das, was sie kriegen konnte. Ein Dämon hier drin... Das würde sicher Tote geben. Sie bekam eine Heidenangst.
Sie und die Mädels bogen um die Ecke und da stand er. Sie bremsten abrupt ab, aber der Mann wirbelte herum und schlug mit etwas aus, was wie ein dritter Arm oder ein Tentakel aussah. Celia landete auf dem Boden, als ihr der Gedanke in den Kopf schoss, das das zu Klischee war, um wahr zu sein. Als sie sich wieder aufrappelte, sah sie, das die Auswüchse auf seinem Rücken verformbar waren. Er sah gruselig aus, sein Haar schwarz und ungepflegt, die Augen stechend rot. Er stapfte auf die Frauen zu und betrachtete sie mit Hunger im Blick. Celia sprang auf die Füße. Sie würde sich nicht fressen lassen. Aber der Mann sah sie gar nicht an, sondern hob eine der Frauen vor ihr auf. Offenbar erwartete er, das Celia davonrennen würde. Aber das tat sie nicht. Sie griff nach einem Schuh, der herumlag, zielte gut und warf. Knurrend wand sich der Dämon zu ihr um. Celia wurde kalt. Sie wand sich um und rannte den Gang hinunter, so schnell sie ihre Beine trugen. Sie hörte seine Schritte hinter sich im Gang. 'Nein. Nein. Nein! Nein!' Etwas traf sie im Rücken, krallte sich an sie. Celia riss die Arme hoch, als sie das Ende des Ganges sah. Sie durchbrachen die Fenster und stürzten in die Gasse hinter dem Gebäude. Der Aufschlag raubte ihr sämtlichen Atem. Keuchend, nach Luft schnappend, rollte sie sich auf die Seite. Das Gewicht auf ihrem Rücken hatte sich beim Sturz gelöst. Aber irgendwas stimmte nicht. Sie bekam keine Luft. Jeder Atemzug tat unheimlich weh. Durch den Schleier dieser Schmerzen sah sie den Dämon, der sich nur wenige Meter von ihr entfernt wieder erhob. Celia rollte zurück auf den Bauch, Schmerz hin oder her, und begann, sich mit den Händen über den Boden von ihm wegzuziehen. Sie schaffte es nicht, sich wirklich auf Knie und Hände hochzustemmen. „Na warte...“ Seine Stimme war mehr ein Knurren wie von einem Bär. Celia nahm sich nicht die Zeit, zu ihm aufzublicken. Sie robbte einfach weiter. Sein Schatten fiel auf sie und sie erstarrte innerlich. 'Das ist es jetzt also...'
„Du Gör meinst, mich mit deinem Schuh verbrennen zu müssen? Ich werde dir gleich zeigen, was du davon hast.“ Celias Gedanken begannen zu rasen. 'Verbrennen? Wieso verbrennen? Ich habe ihn geworfen... Nur geworfen...' Er griff in ihre Haare und zerrte ihren Kopf in ihren Nacken, Celia schrie auf. Sie hielt die Augen geschlossen, gleich war es also vorbei.
Doch dann röchelte das Wesen hinter ihr auf und er ließ sie los. Etwas tropfte auf ihren Rücken. Zittrig wand sich Celia um und betrachtete die aufgebäumte Gestalt, die hinter ihr, über ihr kniete. Seine roten Augen waren geweitet, seine Finger kraftlos. Aus seiner Brust ragte ein Schwert. Er wurde am Kragen gepackt und zurückgerissen, die Schwertspitze glitt aus seinem Brustkorb und wurde mit einem einzigen Streich geführt. Der Dämon zerplatzte in tausend winzige Lichter, die sich wie ein Schwarm Glühwürmchen verteilten und dann auflösten. Was blieb, war der junge Mann, der das Schwert führte und es jetzt wieder einsteckte.
Er wand sich zu ihr um und beugte sich herab. „Hey, junge Frau... Ist alles ok? Darf ich Ihnen aufhelfen?“ Celia wollte sich auf die Hände stemmen, denn vor einem Fremden im Dreck zu liegen, war ihr zu erniedrigend. Aber es ging nicht. Sofort explodierte unheimlicher Schmerz in ihrer Brust und sie sank mit einem Aufschrei zurück auf den Boden. Sie spürte die Hände des Mannes, der sie herumdrehte. „Raiko? Raiko, ich brauche hier sofort einen Arzt und eine Trage!“ Celias Sichtfeld nahm jetzt rapide ab. Sein Blick glitt zurück zu ihrem Gesicht. „Magst du mir sagen, wie du heißt?“
„Celia...“ sagte sie langsam. Sprechen war wirklich nicht leicht. „Wer... wer bist du?“ fragte sie angestrengt. Jetzt lächelte er beruhigend. „Das ist aber ein schöner Name. Celia, ich bin Reef. Ich kümmere mich um dich, ok? Es wird alles wieder gut...“

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Celia grinste, als General Manaus Blick über sie strich. „Celia Barus. Du hast heute mal wieder bestätigt, was wir ja alle seit Jahren wissen.“ Ind er Halle gab es leises Gekicher und auch Celia musste lächeln. „Du bist und bleibst unsere stärkste Magierin. Deswegen darf ich dir diesen Orden überreichen.“ Während er das Abzeichen an Celias Uniformjacke befestigte, suchte sie im Publikum nach Reefs braunen Augen. 'Sei ja stolz auf mich.' Sie fand ihn, er applaudierte, er strahlte. Seine Augen waren warm. Verdammt ja, er war stolz auf sie. Und auf sich. Er hatte sie immerhin von der Straße geklaubt und zu dem gemacht, was sie heute war: Eine erstklassige Jägerin. Eine hervorragende Soldatin. „Celia, wie machst du das nur immer?“ fragte der General. Sie lächelte. „Ach, wissen Sie, Sir, ich habe einfach nur einen super Schutzengel...“
'Danke, Papa.'
„... und einen unheimlich guten Lehrer.“ Sie sah zu Reef. Oh ja, sie hatte Glück. Das hatte sie.

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